Memetik und das globale Gehirn

Ein neuer wissenschaftlicher Ansatz, eine Utopie, eine Mode, eine memetische Infektion...?

von Florian Rötzer

 

Wir tauchen ins Informationszeitalter ab, in dem es nicht mehr primär, wie man uns sagt, um materielle Waren geht, sondern um die Schaffung, Verbreitung, Verarbeitung, Aufbereitung und Empfängnis von Informationen - und natürlich um deren geeignete Verpackung, damit die Menschen auf sie aufmerken, sie verbreiten, reproduzieren und, wenn möglich, kaufen. Das ist nicht neu. Früher, in den längst vergangenen marxistischen Zeiten, hieß das Warenästhetik. Banal spricht man von Werbung und Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden. Es geht um Verkaufs- und Einschaltquoten, um die Erzeugung von Aufmerksamkeit, das Überspringen von Filtern, die Schaffung von Prominenz oder Attraktivität, die Durchsetzung auf dem Markt der Wünsche, Begehrlichkeiten, Ängste, Hoffnungen und Triebe. Im Zeitalter nicht nur der Computertechnologie, sondern auch der Biotechnologie und des überall angewendeten darwinistischen Evolutionsmechanismus, muß das neue Modell des Wandels natürlich auf biologischen Grundlagen aufbauen oder in Analogie zu biologischen Mechanismen stehen. Die neue Wissenschaft, die Memetik, ein Begriff, den der Evolutionsbiologe Richard Dawkins geprägt hat, löst diese Ansprüche natürlich ein. Ähnlich wie Gene egoistisch miteinander konkurrieren oder zusammenarbeiten und mittels ihrer Überlebensmaschinen, den Organismen, durch die natürliche Selektion die Chance finden, sich zu reproduzieren und zu verbreiten, soll es auch Meme geben, grundlegende Informationseinheiten, die nichts anderes im Kopf haben und in die Köpfe der von ihnen Befallenen bringen, als sich gleichfalls zu reproduzieren und zu verbreiten. Sind die Organismen die Wirte der egoistischen Gene, die sie gleichzeitig auch als ihr Vehikel zur Replikation erbauen, so sind die Gehirne der Menschen, einmal von den Genen geschaffen, die Wirte der Meme, die wie Viren in sie eindringen, sie in ihren egoistischen Interessen verändern. Verhaltensveränderungen hervorrufen und schließlich, wenn es denn gelingt, sich von einem Gehirn aufs andere verbreiten und dabei mutieren. Einfallstor für Meme ist die Aufmerksamkeit. "Wo es Aufmerksamkeit gibt, gibt es auch Meme", sagt Richard Brodie, denn Meme kämpfen, wie bereits Dawkins behauptete, vor allem um die begrenzte Kapazität der Aufmerksamkeit. Ein Teil der Biowissenschaften ist das Gehirn, daher verbindet die Memetik geschickt Kognition, Biologie und Kultur. Dazu kommt noch die Informations- und Telekommunikationstechnik mit der Zukunftsbranche Künstliches Leben, um das Gebräu zu verfeinern, denn schließlich sind Medien die effizientesten Übertragungswege der Meme und waren die ersten Exemplare des Künstlichen Lebens, zumindest dessen Vorschein, Computerviren. Meist nicht gerade freundliche Wesen für unsere Programme und Datenbestände. Je besser und schneller Menschen und Maschinen weltweit kommunizieren, desto besser und schneller können sich die neuartigen Viren verbreiten. Andere, aber ähnlich gestimmte New-Age-Theoretiker sehen denn auch mit den Medien und Computernetzen ein globales Gehirn von Gaia heranwachsen, das sich immer dichter vernetzt und dessen Neuronen die Menschen sind, die vor ihren Geräten sitzen oder bloß von ihnen überwacht werden.

 

Dawkins hatte noch den Begriff des Mems in Analogie zu dem des Gens als eine Replikationseinheit geprägt, die durch Nachahmung, also durch Mimesis, sich verbreitet. Man sieht, hört, schmeckt oder empfindet irgendwie etwas oder beobachtet ein Verhalten, und wenn dies auf etwas beim Wahrnehmenden trifft, wird es wiederholt. Ein wenig eindringlicher ist allerdings die etwas neuere Version, an der Dawkins auch nicht unschuldig ist, die Meme eher mit Viren vergleicht. Da stehen wir also unschuldig mit unserem Gehirn, einer Maschine, die auf alles Neue lauert, gierig nach bestimmten Reizen ist und nicht anders funktioniert wie ein Staubsauger, nur ungenügend geschützt vom kognitiven Immunsystem, das je älter, desto besser in der Abwehr von Memen wird, und sind umgeben von Schwärmen von Memen, die sich in unser Innerstes und Eigenstes einnisten wollen.

 

Jetzt also wissen wir, wie das funktioniert, wenn sich Ideen, Verhaltensweisen, Gefühle oder Moden durchsetzen: die Menschen sind einfach angesteckt, willenlos den erfolgreichen Memen ausgeliefert, die sich mit anderen kombinieren und unser Gehirn, und damit uns selbst, neu verdrahten. Den Erfolg steuert die natürliche Selektion, und die Evolution marschiert ziellos und unvorhersehbar im memetischen Möglichkeitsraum umher, einzig davon angetrieben, daß nur die Meme überleben, die sich replizieren können.

 

Ganz einig sind sich die Memetiker allerdings nicht, um was es sich bei den Memen eigentlich handelt. Jeder gute Memetiker bietet neue und andere, immer erstaunlichere Beispiele für Meme an, so daß wir allmählich in diesen ertrinken und nahezu alles ein Mem ist. Wenn ich dies schreibe und Sie diese Bemerkungen zur Memetik lesen, dann sind Sie vielleicht auch schon infiziert. Fragt sich nur, wieviele Meme dadurch in Ihren Kopf einzudringen suchen und ob ihre Neuronenverschaltung einen guten Nährboden darstellt.

 

Rudy Rucker, Mathematiker, Science-Fiction-Autor und jüngst mit der Entwicklung von Programmen zum Künstlichen Leben beschäftigt, ist gleichfalls ein Anhänger der Memetik, ebenso wie der Philosoph Daniell Dennett oder der Computerwissenschaftler Douglas Hofstadter: "Wenn man der Wirt eines Mem- Komplexes wie beispielsweise des Gebrauchs der Sprache ist, dann kann dies derart weitreichende Überlebenschancen bieten, daß die mit vom Mem Infizierten gedeihen. Es gibt viele solcher Meme mit einem offensichtlichen Überlebenswert: die Methoden der Landwirtschaft, das Handwerk der Keramik, die Geheimnisse der Mathematik - alles hilfreiche Viren des Geistes, die im menschlichen Informationsraum leben. Meme, die keinen offensichtlichen Überlebensvorteil bieten, sind hingegen verwirrender. Dinge wie Melodien und Moden springen von einem Geist zum anderen in einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Auf der Höhe der aktuellen Ideen zu bleiben, ist ein Mem höherer Ordnung, das wahrscheinlich einen gewissen Überlebenswert darstellt. Wissen über Künstliches Leben beispielsweise kann sehr wahrscheinlich die Chancen erhöhen, daß Sie Arbeit finden, und ihre sexuelle Attraktivität steigern."

 

Natürlich wird die Memetik ganz memetisch oder werbestrategisch als Revolution oder als Paradigmenwechsel verkauft. Ein sich in den USA gut verkaufendes Buch mit dem Titel "Virus of the Mind" von Richard Brodie macht sich gleich memetisch dadurch interessant, daß es an den Beginn eine Warnung stellt: "Dieses Buch enthält einen lebendigen Virus des Geistes. Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie nicht infiziert werden wollen. Die Infektion kann Ihr Denken auf subtile oder nicht so subtile Weise verändern - oder gar Ihre gegenwärtige Weltsicht von innen nach außen verkehren."

 

Was aber ist das Revolutionäre der Memetik? Jetzt nämlich schauen wir uns nichts mehr im Fernsehen an, gehen in eine Bibliothek, um etwas zum Lesen zu finden, entscheiden wir uns für eine Deutung von irgendetwas, lernen eine Fertigkeit oder wählen uns ein Kleidungsstück aus, sondern wir, d.h. unser Gehirn, ist nur ein Mittel für ein Fernsehprogramm, ein Buch in einer Bibliothek, eine Deutung von irgendetwas, eine Fertigkeit oder ein Kleidungsstück, um sich zu replizieren. Schon lange bemühen die aufgeklärtesten Geister sich darum, nach den Illusionen der ersten Aufklärung fortwährend den Glauben zu zerstören, daß wir in irgendeiner Sache souverän seien. Will man etwas erklären, sucht man nach einer Ursache. Hat man sie gefunden, ist das erklärte Phänomen nur noch eine Wirkung. Auch wenn man diesen Reduktionismus durch Selbstorganisation oder Emergenz versüßt, kommt doch nichts anderes dabei heraus.

 

Voilˆ, hier sind die Meme, und wir noch einmal weniger der Herr im eigenen Haus. Das wußten wir eigentlich irgendwie schon, aber jetzt haben wir eine wissenschaftliche Erklärung dafür, die die genetische ergänzt, weil sie unzureichend und durch die Geschichte etwas diskreditiert ist, aber die ihr zumindest ähnlich ist. Aber wie bei jeder Erklärung, die einen neuen Determinismus verkündet, kommt dann doch gleich wieder ein Ausweg. Die Ursache kennen, heißt möglicherweise, sie manipulieren zu können. Die Memetik könnte uns mithin in die Lage versetzen, Meme zu erzeugen, die uns vor unerwünschten Memen schützen. Wir könnten also, wenn wir die Infektions- und Arbeitsweisen der Meme kennen, unser kognitives Immunsystem stärken und Virensuchprogramme einsetzen, was den Memetikern einen selektiven Vorteil einbrächte.

 

Wir könnten aber, egoistisch wie wir sind, was gleichzeitig auch den neuen Spezialisten zum memetischen und finanziellen Erfolg verhelfen würde, Meme in der Art von Hackern entwickeln, die alle existierenden Schutzwälle durchbrechen und sich wie Trojanische Pferde in uns einschleichen. Das ist schön und gut fürs Geschäft, die Prominenz, irgendein Programm oder nur für eine heimtückische Schadenfreude und treibt uns in ein neues Wettrüsten hinein, das, dem Biozeitalter angemessen, nicht mehr mit Bomben, Düsenflugzeugen oder Panzern, sondern mit kognitiven Viren arbeitet, nachdem der Kalte Krieg, dem unsere Technik so viel verdankt, einfach durch Abdankung der kommunistischen Staaten beendet wurde.

 

Jetzt haben wir nur noch den freien Markt, der schleunigst auch auf den Geist angewendet werden muß, denn Deregulierung fördert auch hier die Selbstorganisation und die Freiheit der Wirte von Memen. Allerdings ist mit dem Wegfall der Mauern, die im Kalten Krieg gebaut wurden, auch irgendetwas in der memetischen Aufrechterhaltung des Gleichgewichts weggefallen. Schnell haben andere Theoretiker nach dem Konflikt der ökonomisch und ideologisch bestimmten Mächte den Kampf der Kulturen verkündet, die jetzt wieder ungebremst aufeinanderprallen und um Einfluß ringen. Kulturelle Identitäten wollen sich bewahren, sich ausbreiten und replizieren. Aber alles, was eine Kultur ausmacht, so sagen uns die Memetiker, sind gerade die Meme. die in den Köpfen der Menschen sitzen und Religionen, Fundamentalismen und Programme ausbrüten. Genozide sind Schlachten der Meme, die von ihren Überlebensmaschinen, den Menschen mit ihren infizierten Gehirnen, ausgeführt werden.

So paßt also alles zusammen und fördert den Mem der Memetik. Und wer skeptisch ist, bei dem kommt noch das Mem zur Abwehr von fremden Memen zur Geltung oder bloß das Mem, das uns listig glauben macht, wir wären noch Herr über unsere Gedanken. Kein Problem für die Memetik. Leuchtet Ihnen das ein? Dann sind Sie schon infiziert. Wollen Sie Mem-Infektionen vermeiden? Dann schließen Sie sich in eine Hütte in der Ödnis ein, koppeln Sie sich von allen Medien und Menschen ab und führen Sie das Leben eines Einsiedlers, eines Mönches des Informationszeitalters.