Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Vom Verbrecheralbum zum maschinenlesbaren Personalausweis

Annette Tietenberg

 

 

Nur weil der gesellschaftliche Gebrauch der Photographie aus der Fülle ihrer möglichen Gebrauchsweisen nach den Kategorien, die die übliche Wahrnehmung der Welt organisieren, gezielt auswählt, kann das photographische Bildnis für die genaue und objektive Wiedergabe der Wirklichkeit gehalten werden.

Pierre Bourdieu

 

Die Fotografie als wissenschaftliches Instrument

 

Im Jahr 1837 gelang es dem Panoramenmaler und Dekorateur Louis Jacques Mandé Daguerre, einem mit Hilfe der Camera Obscura erzeugten Spiegelbild dauerhaft Gestalt zu verleihen. Um das einfallende Licht zu speichern, sensibilisierte er zunächst eine Silberplatte mit Joddämpfen, entwickelte dann das latente Bild in Quecksilberdampf und fixierte schließlich das Ergebnis in warmer Kochsalzlösung. Noch im selben Jahr präsentierte Daguerre dem Kustos des Louvre sein erstes geglücktes Werk - ein Stilleben. Er gab der Erfindung seinen eigenen Namen, druckte einen Prospekt, der sein neu entwickeltes Verfahren erläuterte, und bot darin die für die Anfertigung von Daguerreotypien notwendigen technischen Geräte zum Kauf an. Zwar zog er die Blicke auf sich, als er mit seiner unhandlichen Ausrüstung in Paris herumfuhr, um Denkmäler und öffentliche Gebäude zu fotografieren, doch seine Werbekampagne wollte nicht recht fruchten: es meldete sich kein Kauflustiger, kein Aktionär und schon gar kein Mäzen.

 

Erst die Intervention des einflußreichen Physikers und Politikers François Dominique Arago brachte den gewünschten Erfolg. In einer flammenden Rede, die Arago in seiner Funktion als Abgeordneter, Leiter des Pariser Observatoriums und Mitglied der Académie des Sciences am 3. Juli 1839 vor der französischen Deputiertenkammer hielt , pries er die Daguerreotypie nicht nur als Glücksfall für die Kunst , sondern auch als exaktes wissenschaftliches Instrument, das in der Lage sei, aufgrund seiner Detailgenauigkeit, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit den Fortschritt zu beschleunigen. Die Abgeordneten folgten dieser Argumentation und stimmten mit überwältigender Mehrheit (237 gegen 3) für den staatlichen Erwerb der Erfindung; Daguerre wurde mit einer Rente entschädigt und zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Um seine technologische Überlegenheit zu dokumentieren, sorgte der französische Staat dafür, daß die Patentschrift - binnen weniger Wochen in acht Sprachen übersetzt - in ganz Europa sowie in den Vereinigten Staaten Verbreitung fand In der Lesart von Arago bedeutete ein solches Hegemonialstreben indes: Frankreich hat diese Erfindung adoptiert; vom ersten Augenblick an hat es sich so hochherzig gezeigt, diese Erfindung freigiebig der ganzen Welt zu schenken.

 

Zweifellos profitierte die bis dahin nicht eben populäre Fotografie von der Autorität des Staates, freilich um den Preis, von nun an hauptsächlich das Bedürfnis nach anschaulicher Evidenz befriedigen zu müssen. Die Fotografie tauschte ihre magischen Qualitäten, ihre alchemistischen Komponenten und ihre Zeitgebundenheit gegen Errungenschaften wie Detailreichtum, Genauigkeit und Abbildtreue ein. Denn nur ein Bildmedium, das durch seinen chemisch-physikalischen Herstellungsprozeß Objektivität zu garantieren schien, ließ sich auf eine Art und Weise verwerten, die den Innovationsinteressen des positivistisch gestimmten Wissenschaftsbetriebes entsprach. Rasch verbreitete sich die Kunde, die Person hinter der Kamera bringe lediglich einen naturgesetzlichen Prozeß in Gang, ohne jedoch das Bildergebnis entscheidend beeinflussen zu können. So wurde die Fotografie aus dem Kontext der kreativen Bilderzeugung, der optischen Täuschungen, ja der Schaustellerei herausgelöst und als technisch-objektives Aufzeichnungsinstrument etabliert; nebenbei errang die zentralperspektivische Projektion den Status der einzig legitimen Sichtweise.

 

Die Daguerreotypie als unbestechlicher Zeuge

 

Wie vorbehaltlos die Fotografie schon in ihren Anfängen als eine streng nach naturwissenschaftlichen Gesetzen operierende Technik höchster Glaubwürdigkeit akzeptiert wurde, macht eine Meldung deutlich, die bereits im November 1839 - also wenige Monate nach Ankauf des Patents durch den französischen Staat - in mehreren Tageszeitungen erschien. Darin heißt es, die Daguerreotypie sei als Zeuge in einem Ehescheidungsprozeß aufgetreten: ein Ehemann habe seine Ehefrau unbemerkt bei einem Stelldichein photographiert. Die Daguerreotypie stieg somit in den Rang eines für den Fortgang des Gerichtsprozesses relevanten Beweismittels auf und ließ sich gezielt als Indiz für die Schuld oder Unschuld eines Angeklagten in Dienst nehmen. Folglich eröffnete die fortschreitende Bürokratisierung und die expansive Verbreitung von Ordnungseinrichtungen, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts in allen Industrienationen zu beobachten ist, einem solchen Bildmedium gerade wegen seiner unnachahmlichen Treue eine Fülle gesellschaftlich relevanter Anwendungsmöglichkeiten. Gekoppelt an neue Techniken der Begutachtung, der Protokollierung und Archivierung ließ sich die Fotografie als scheinbar neutrale Methode wissenschaftlicher Erkenntnis einsetzen, zugleich aber als mächtige Kontrollinstanz vereinnahmen: Sie fungierte als Erkennungsdienst. Das 19. Jahrhundert, so bemerkt Wolfgang Kemp, ist die große Zeit des Indizienparadigmas, wie man das zuletzt genannt hat, der Spurensicherung mit anderen Worten. Die Detektive Conan Doyles und Edgar Allan Poes, die ihre Kombinationskraft am leblosen Detail schulen, der Arzt Morelli, der die Hände großer Maler nach der Art scheidet, wie sie Ohrläppchen oder Augenlider malen, Francis Galton, der im Fingerabdruck das unverwechselbare Kennzeichen der Menschen entdeckt - das sind die Protagonisten der Spurensicherung. Die Fotografie, sowie sie Sherlock Holmes las, die Fotografie, die keine Unterschiede macht, wie Holmes schreibt, liefert dem 19. Jahrhundert das Modell, wie ein Sachverhalt aufzunehmen war.

 

Im Auftrag des Erkennungsdienstes

 

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als Francis Galton, Henry Faulds und William J. Herschel die Daktyloskopie erforschten, Ballistiker erstmals Auftreffwinkel und Schußkanäle untersuchten, Autopseure neuartige Gewebeschnitte vornahmen und Toxikologen begannen, Mageninhalte zu analysieren, trat auch die Fotografie als detektivisches Instrument in Erscheinung. Zunächst in Brüsseler Gefängnissen als Mittel zur Dokumentation eingesetzt, wurde das Verbrecheralbum in Frankreich perfektioniert. So war bereits 1841 im Münchner Morgenblatt zu lesen: Die Pariser Polizei läßt jetzt die Gesichter aller Verbrecher, die ihr in die Hände geraten, daguerreotypieren und fügt dieses Porträt den Akten bei. Sind sie in Freiheit gesetzt, und man glaubt, sie haben ein neues Verbrechen begangen, so zeigt man das Porträt allen Polizeiagenten, die ihren Mann dann bald ausfindig machen. Ein weitaus effizienteres System zur Identifizierung Krimineller aber entwickelte Alphonse Bertillon, seit 1882 Leiter des polizeilichen Erkennungsdienstes in Paris. Er fertigte jeweils zwei fotografische Aufnahmen von einem Inhaftierten an, eine en face und eine en profile. Diese Porträts, aufgeklebt auf Karteikarten und um anthropometrische Angaben, Namen und Geburtsdaten des Abgebildeten ergänzt, stellten den Grundstock eines funktionstüchtigen Archivs dar, mit dessen Hilfe sich eine große Anzahl von Personen ohne Aufwand katalogisieren und identifizieren ließ. Woher Bertillon seine Anregungen zu einem solchen Darstellungsraster bezog, ist leicht zu erraten. Zum einen bediente er sich einer Personenkartei, die bereits vor Erfindung der Fotografie bei der Polizei existierte: Man registrierte dort den Namen des Delinquenten und machte Vermerke über dessen Statur. Das anthropometrische Signalement und die Zweiansichtigkeit aber, die Bertillon einsetzte, um sich der Subjektivität des Beschreibenden ein für alle Mal zu entledigen, beruhen auf einer ebenfalls Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführten Methode der Anthropologie: der Zerlegung des Menschen in vergleichbare Daten.

 

Der Mensch als Datenmenge

 

Im Glauben, den menschlichen Körper mittels Zahlenwerten erfassen zu können, nahmen Anthropologen auf ihren Reisen bei sogenannten Wilden Messungen vor, legten Haarfarbentafeln an oder entwarfen Tabellen, um die Pigmentierung von Haut, Haar und Augen bestimmen zu können. Wie kein anderes Medium eignete sich gerade die als wissenschaftliches Instrument legitimierte Fotografie dazu, den Menschen laborgerecht aufzubereiten und in wissenschaftlich analysierbares Datenmaterial zu verwandeln. Die Versuchsanordnung war denkbar einfach: Aus seinen Lebenszusammenhängen gerissen, von seinen Familienmitgliedern getrennt, seiner Sprache, seiner Kleidung und seines Schmucks beraubt, wurde der Wilde vor die Kamera gezerrt, mit Hilfe eines Nackenhalters in Positur gezwungen und in der Frontalen aufgenommen. Um das lebende Material später für statistische Zwecke verwenden zu können, drückten Ethnologen ihren Versuchsobjekten Meßinstrumente in die Hand, die bei der Auswertung der Fotografien die Umrechnung der Maße erleichtern sollten; eine abgebildete Meßlatte stellte - wie heute ein Farbkontrollstreifen - eine bildinterne Korrekturmöglichkeit dar. Wurde den ermittelten Zahlenkolonnen anfangs noch eine Fotografie zur Illustration beigefügt, so kehrte sich dieses Verhältnis bald um: Ende des 19. Jahrhunderts standen im Mittelpunkt Porträtfotografien; Angaben wie Name, Stamm, Geschlecht, Körpergröße, Farbe von Haut, Haar und Augen wurden schematisch hinzugefügt. Zudem erleichterte die transportable Fotografie manchem Ethnologen die Arbeit: Er ließ sich, bequem zu Hause am Schreibtisch sitzend, von reisenden Fotografen mit auswertbarem Bildmaterial beliefern.

 

Der potentielle Kriminelle

 

Alphonse Bertillon erkannte die Vorteile dieser Methode für die Kriminalistik und konstruierte eine spezielle Apparatur, die den Anforderungen der Polizeibürokratie in idealer Weise entsprach. Der Inhaftierte wurde auf einen drehbaren Sessel gesetzt, der zugleich als exakte Personenmeßanlage fungierte; eine von Bertillon entwickelte Spezialkamera machte aus immergleichem Abstand immergleiche Fotos, die in einem festgelegten Format entwickelt und anschließend mit Nummern versehen archiviert werden konnten. Erst die Isolierung des Einzelnen und die Vereinheitlichung der Wahrnehmungsbedingungen erlaubten es, die typischen Merkmale der Versuchsperson zutage zu fördern. Der gezwungene Klient, welcher vor das Objectiv geführt wird, darf seine Geschmacksrichtung und Wünsche bezüglich des Bildes nicht kundgeben und damit ist die größte Schwierigkeit behoben, empfahl Bertillon in seinem 1890 erschienenen Buch La photographie Judicaire . Mit der fotografischen Methode der Anthropologie wurde zugleich auch deren aus kolonialer Praxis resultierende Perspektive übernommen. Der schon allein aufgrund seiner technischen Kenntnisse überlegene Fotograf degradierte den Porträtierten zu einem ihm verfügbaren Forschungs- und Abbildungsgegenstand. Als Herrscher über die bilderzeugende Apparatur verwandelte er jede Person zum Objekt, indem er das Objektiv auf sie richtete. Die Kamera wurde eingesetzt, um das Fremde, das Kriminelle und das Abweichende zu definieren.

 

Getreu der Devise Ein Bild sagt mehr als tausend Worte schlug der Fotograf F.A.W. Nette schon 1842 vor, die über alle Landesgrenzen hinaus verständliche Fotografie als Ausweisbild einzuführen. In den meisten Ländern der Erde ist dies inzwischen Wirklichkeit geworden. Während zu Bertillons Zeiten nur Inhaftierte unfreiwillig porträtiert wurden, sind Staatsbürger heute generell dazu verpflichtet, der Paßbehörde eine Porträtfotografie von sich zu überlassen. Denn die erkennungsdienstliche Behandlung zur Feststellung einer Identität beschränkt sich weitgehend darauf, die Ähnlichkeit zwischen einer Person und ihrem fotografischen Abbild festzustellen. Die Fotografie produziert mithin ein Bild, mit dessen Hilfe Identität ganz objektiv meßbar ist: sie informiert über Rasse, Klasse und Geschlecht. Legten anfangs strenge Vorschriften formelhaft den Aufbau des Paßfotos fest - das Gesicht mußte vom Haaransatz bis zur Kinnspitze sichtbar sein, das Ohr sollte freiliegen, der Hintergrund mußte heller als die Gesichtspartie sein -, so sind derartige Reglementierungen mit fortschreitender Computerisierung überflüssig geworden. Denn das digitale System kann problemlos riesige Datenmengen miteinander vergleichen. Wo die gewaltsam herbeigeführte Fotografie Ende des 19. Jahrhunderts noch eng mit dem Strafvollzug verwoben war, da erlaubt die sogenannte beobachtende Fahndung der Polizei heute, jeden beliebigen Demonstranten auf der Straße zu fotografieren, dessen Daten präventiv zu speichern und diese Angaben bei Bedarf zur Aufklärung eines Falles heranzuziehen. An den Ergebnissen ist - getreu der erfolgreichen Legitimationsstrategie aus der Frühzeit der Fotografie - kaum zu zweifeln, denn der besondere Wert der polizeilichen Fotografie liegt in der klaren, leichtverständlichen und dabei völlig objektiven Form der Wiedergabe eines bestimmten Sachverhaltes . So scheint im Paßbild ein Aspekt auf, der im Zuge der Stilisierung der Fotografie zum künstlerischen Bildmedium in Vergessenheit zu geraten droht: die hundertfünfzigjährige Geschichte der Fotografie läßt sich auch als Diskurs der staatlichen Kontrolle, als eine Geschichte des Zugriffs auf den menschlichen Körper lesen.