Der Lauscher vor der Videowand

 

Nicht nur ein Patchwork der Minderheiten: Die Installation "Thoughts" von York dem Knoefel im Heidelberger Kunstverein

 

"Ich versuche herauszufinden, was ich dir eigentlich vermitteln will . . . du mußt etwas tun, weißt du, was dich glücklich macht . . . New York ist ein seltsamer Ort . . . diese Psycho-Hexe aus der Hölle . . . einer meiner Freunde behauptet, Leute die allein lebten, würden eigensinnig . . ." Ein vielstimmiges Gemurmel erfüllt den Heidelberger Kunstverein. Es wird amerikanisch gesprochen. Gezeigt werden Arbeiten des 1962 in Potsdam geborenen York der Knoefel aus den vergangenen zwei Jahren, im Zentrum die Videoinstallation "Thoughts", die 1996 in New York City entstanden ist. In der Mitte des langschiffigen Raumes erhebt sich eine mächtige schwarze Wand, die dem Besucher zunächst nur ihre Rückseite zukehrt. Erkennbar wird ein schwarzes, in immer gleichem Raster unterteiltes "Möbel", vollgepackt mit technischem Gerät.

 

Geht man um das riesige Gebilde herum, steht man vor einer Videowand, auf der sich 48 Monitorfenster öffnen. Das hörbare Stimmengewirr nimmt zu. Man erkennt auf jedem Bildschirm einzelne Frauen und Männer, Menschen nahezu jeden Alters und unterschiedlicher Hautfarbe, und stellt sofort mit beängstigender Selbstverständlichkeit Vergleiche der Farben der Kleidungstücke, der Art der Kopfbedeckungen, der Länge der Haare oder der Bewegung des Kopfes beim Reden an. Was zu hören ist, bleibt Geräusch; bestenfalls erfaßt man hier und da das Fragment eines Satzes. Die Differenzen verschwimmen, die Stimmen verschmelzen zu einem großen demokratischen Chor, dessen gemeinsame Stimme sich kakophonisch erhebt. Der Blick springt von einem Gesicht zum nächsten, ohne sich einzulassen, ohne eine Beziehung knüpfen zu können.

 

York der Knoefel gibt die Aufgabe der Darstellung an die Porträtierten zurück. Er interpretiert nicht länger ein Modell, indem er es innerhalb eines Rahmens zu erfassen sucht. Die Porträtierten - sie stammen alle aus New York City, und der Knoefel hat sie so lange vor der Kamera reden lassen, wie sie wollten - präsentieren und inszenieren sich selbst. Was wahrgenommen wird, muß erst auf ein Individuum bezogen werden. Eine Beziehung eingehen kann aber erst, wer sich einen der von der Decke herabhängenden Kopfhörer überstreift und nur noch einer Stimme lauscht. Erst dann verschwindet das babylonische Gesumme.

 

Nicht ein Patchwork der Minderheiten, das man in Knoefels Arbeit "Thoughts" vorschnell erkennen könnte, wird hier dargestellt; das ist nur ein Teil des Werks. Ins Zentrum rückt das Erzählen, das die leere Zeit strukturiert, mit unkontrollierter Bedeutung ausfüllt. Vielleicht ist das Lauschen, das Hören auf eine Stimme, die ihre Geschichte erzählt, das ursprünglichste Moment der Zuwendung. Hören ist weniger eitel und selbstgefällig als Sprechen.

 

Es verblüfft, wie selbstverständlich die Geschichten, die Anekdoten, Erfahrungsberichte, die Prahlereien und Selbsteinschätzungen vorgetragen werden, wie leicht die Monologproduktion gelingt. Ein jeder ist ein Schauspieler, das Leben nur eine Rolle, die man zugewiesen bekommen hat. Jede Person gibt sich zu erkennen als persona im alten Sinne, als eine Maske - und das Ganze ist ein Drama eitler Selbstproduktion und unserer voyeuristischen Lauschlust, daran teilzuhaben ohne behelligt werden zu können. Die Kunst - denken wir an Duchamps Spätwerk "étant donnés" - ist immer auch eine Schau-Lust-Maschine, die uns symbolisch einbezieht, real entlastet und die doch auch die Scham offenbart, die das Betrachten auslöst.

 

Wer York des Knoefels Installation auf sich wirken läßt, wer über die Vielfalt der Lebensentwürfe, der Normen und Werte, über die Wünsche, Sehnsüchte und alltäglichen Beschönigungen und lächelnd ausgesprochenden Abgründe nachdenkt, die ihm entgegenschlagen, der erspart sich die Lektüre so mancher sozialpsychologischer Studie und der erfaßt diesseits wissenschaftlicher Analyse, wie komplex die am Beginn einer Globalisierung stehende Weltgesellschaft strukturiert ist. Nicht daß solche Erkenntnis neu wäre, aber die Menschen sind einander real und medial näher gerückt, und das läßt die Unterschiede jenseits aller Exotismen problematisch werden. So schafft Knöfels Installation zweierlei: Sie läßt Menschen sich selbst unter dem Zwang eines medialen Auftritts porträtieren, und sie registriert die Schwierigkeiten der Bezugnahme, die sich aus der Vielfalt ergeben.

 

Die Form der Installation "Thoughts" überzeugt gerade durch ihre Einfachheit. Sprechende Menschenbilder in einem Raster medialer Übermittlung, mehr ist nicht nötig und mehr an installativ-skulpturalem Aufwand würde nur vom Kern der Sache ablenken. Nicht abermals das Porträt des amerikanischen melting pot sucht Knoefel in insgesamt 150 Monologstunden, ebensowenig die Verlängerung quälender Fernsehbekenntnisse. Er schafft eine Fiktion des Sichtbaren und Hörbaren, die zugleich Dokument ist.

 

Eine Umkehrung findet "Thoughts" in der Arbeit "My Christmas" von 1996, bei der das Individuum beziehungslos auf beliebige Bilder verwiesen bleibt, die an Weihnachten über die Kanäle des amerikanischen Fernsehens verbreitet wurden, und die York der Knoefel in mehr als fünfhundert Stills festgehalten hat. Hier wird die Fotografie zum Dokument einer medialen Fiktion von Gesellschaft, das Individuum zu deren einsamem Zuschauer. Der TV-Blick aus dem Wohnzimmer in die Welt öffnet das Gehäuse nicht mehr. Sein Bewohner bleibt isoliert, der Raum klaustrophobisch, von Gespenstern bevölkert. THOMAS WAGNER