Jetztzeit

von Dr. Günther Gercken

 

New York City - Architektur, Verkehr, Lichtreklame und das Leben in der Weltstadt - inspirierte Piet Mondrian zu seinen letzten Bildern (1942/43) und einer letzten Weiterentwicklung seines Stils, der die Dynamik, den Rhythmus und die Lichter der Großstadt in ein Gitternetz von Linien, farbigen Rechtecken und Quadraten transformierte. Das pulsierende Leben mit seinen unzähligen, mit- und gegeneinander strebenden Antrieben gerinnt im Bild zu einem bewegten, aber harmonischen Beziehungsgefüge der abstrakten Formen. "Der wirklich moderne Künstler sieht die Weltstadt als geformtes, abstraktes Leben: sie steht ihm näher als die Natur, sie wird sein Schönheitsempfinden stärker ansprechen. Denn in der Weltstadt ist die Natur schon entwirrt, durch den menschlichen Geist geordnet" (Piet Mondrian).1

 

 

Interessant ist, daß York der Knoefel 1995 unter dem ersten Eindruck von New York zu großen Zeichnungen angeregt wird, die durch die gemeinsame Referenz auf die Millionenstadt eine deutliche Beziehung zu den New York-Bildern von Piet Mondrian haben. Sie nehmen die abstrakte Komposition Mondrians in Form von farbigen Rechtecken wie Dominosteine wieder auf. Doch noch bemerkenswerter ist, daß diese Zeichnungen jeweils nur die Hälfte eines Diptychons ausmachen und mit der anderen Hälfte durch organoide Formen kontrastiert werden: Widerspruch und Ergänzung zugleich. Auf der einen Seite ist die reduzierte Struktur der Rechtecke durch Abbrüche und Richtungsänderungen clusterartig auf der weißen Fläche verteilt, auf der anderen entziehen

sich die naturhaften Fragmente wie Protomere von Lebewesen einer ganzheitlichen Gestalt. Der wuchernde Naturzustand ist Gegensatz und Voraussetzung für das "abstrakte, geformte Leben", von dem Modrian schrieb, und Ausdruck für die Lebensenergie. Die erstarrte, steinerne Stadt, das Muster der Straßenzüge und der senkrechten Akzente der Hochhäuser, ist hervorgegangen aus der alles durchdringenden Vitalität der Menschen. Diesen Motor im Getriebe der Weltstadt versucht der Künstler mit der Arbeit "Thoughts 1996" zu bannen: ein gewagtes Unterfangen, in einer Art künstlerischer Versuchsanordnung im Sinne einer Feldforschung den Geist der Stadt und die Gegenwart mit den disparaten Geschichten einzelner zu erfassen. Das Tableau als Ganzes mit seinen 49 Monitoren simuliert die Gedankenwelten der vielen Sprechenden wie das Grundrauschen einer babylonischen Sprachverwirrung. Das aleatorische Kontinuum der Geräuschkulisse aus Sprache und Sprachfetzen, das die Riesenstadt erfüllt, wird von Millionen einzelner Stimmen erzeugt. Aus der großen Masse der New Yorker erscheinen einzelne Personen auf dem Bildschirm und erzählen von sich und Gott und der Welt. In diesen Geschichten finden sich alle Formen der Rhetorik - Selbstreflektion und Selbstdarstellung, Anklage und Rechtfertigung, politische Meinung, ideologisches Bekenntnis und vieles mehr. Zusammen bilden sie einen großen, fragmentierten Roman, in dem alle Altersstufen, Rassen, Stände und Berufe zu Worte kommen. In der Auffassung einer authentischen, von vielen Stimmen getragenen Geschichte hat die Arbeit eine interessante Korrespondenz zu William Gaddis' Roman J. R., der fast ausschließlich aus der direkten Rede vieler Personen besteht, wobei es schwer ist, im ständigen Szenenwechsel den jeweils Sprechenden zu identifizieren: Das moderne Leben wird als ein dichtes Netzwerk der Kommunikation dargestellt.

 

 

In "Thoughts" sind die Videokamera und die Tonaufzeichnung an die Stelle des Photoapparates getreten, mit dem August Sander im zweiten und dritten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts eine ähnliche Aufgabe lösen wollte, seine Zeit in ihren Menschen zu charakterisieren, indem er bestimmte Menschen portraitierte, die ihm typisch für einen Beruf, Stand oder eine Klasse erschienen. Die Typisierung ist ihm in den eindrucksvollen Protraits so gut gelungen, daß man den Eindruck hat, die unterschiedlichsten Individuen ständen jeweils für ein ganzes Kollektiv. Blättert man heute durch die Photosammlung "Antlitz der Zeit", so bleibt jedoch der stärkste Eindruck, wie sehr diese Menschen gemeinsam von ihrer Zeit geprägt sind und wiederum ihre Zeit repräsentieren. Alfred Döblin sprach schon 1929 in seinem Vorwort von der "Kollektivkraft der menschlichen Gesellschaft, der Klasse, der Kulturstufe". "Bei einer gewissen Distanz verschwinden die Unterschiede, bei einer gewissen Distanz hört das Individuelle auf, und nur die Universalien behalten recht" (Alfred Döblin).2 Nachdenklich macht die Einsicht, daß die Menschen so stark vom Zeitgeist abhängig sind, der sich in allen Lebensäußerungen zeigt und aus dem sie trotz der vermutlichen Vorstellung einer freien Lebensgestaltung nicht ausbrechen können. Obwohl die Zeit noch nicht lange zurückliegt, ist sie uns fern. Aussehen, Kleidung, Haltung und Mimik der Dargestellten weisen in die Vergangenheit und lassen keinen Zweifel daran, daß diese Menschen keine Zeitgenossen von uns sind und daß ihre Welt nicht mehr unsere Welt ist.

 

Wie August Sanders "Antlitz der Zeit" ist "Thoughts" gleichzeitig Kunstwerk und Dokument. Kunstwerk durch die künstlerische Inszenierung und Realisation in allen Phasen von der Idee, der Motivierung der Interviewten, der Kameraeinstellung und der Bearbeitung der Tapes. Künstlerische Arbeit hat ihr höchstes Ziel errreicht, wenn es ihr gelingt, das Leben in das Medium der Kunst zu transferieren. Es wäre zynisch zu sagen, in diesen Videoaufnahmen würde die Banalität des Alltags zur Kunst erhoben. In den Geschichten, so vordergründig und trivial sie auch sein können, offenbart sich das Wesen der Menschen. Indem sie erzählen, was sie erlebt haben und was sie bewegt, artikulieren sie sich in der Sprachlichkeit des menschlichen Geistes; und in der Sprache und der Summe der Geschichten konstituiert sich Geschichte. Dadurch, daß York der Knoefel die portraitierten Personen auf die Oberfläche des Bildschirms holt und sie frei über alles reden läßt, was ihnen einfällt und was sie sagen möchten, macht er etwas sichtbar, das wir normalerweise nicht sehen und auch nicht sehen können, weil wir im selben Strom schwimmen. "Als Zeitgenossen sind wir in gewisser Weise blind für das, was den Zeitgeist ausmacht, obwohl er uns beherrscht" (Hans Blumenberg).3 Die Distanzierung durch das Medium schafft die Möglichkeit, das Eigene im Gegenüber zu erkennen. So vermittelt die Präsentation sowohl Distanz als auch unmittelbare Nähe in der Vergegenwärtigung. Nicht Neugier oder Schaulust fesseln uns an den Bildschirm, sondern Erstaunen und Betroffenheit über die extreme Variationsbreite des Erscheinungsbildes der Gesichter, die durch die Bildhaftigkeit des Ausschnitts ästhetisch aufgefaßt sind, und über die Äußerungen, gleichgültig ob sie oberflächlich banal oder spekulativ weltanschaulich sind, weil sie, um es pathetisch zu sagen, Geist von unserm Geist sind. Die Auswahl aus der Bevölkerung von New York City zeigt einerseits die ungeheure individuelle Vielfalt, und anderseits bewirkt die Parallelität auf den verschiedenen Monitoren eine kollektive Einebnung. Alle, die Verschiedenen, einigt ihre Zugehörigkeit zur Menschheit. Die gleichzeitige und gleichrangige Darbietung aller Gedanken und Ansichten appelliert an Verständnis und Toleranz, wie sie in indoktrinierten Gesellschaften nicht möglich sind. In den unterschiedlichen Äußerungen offenbart sich eine Gedankenwelt, an der alle Menschen teilhaben. Wir erkennen, daß unser individuelles Weltbild, so originell es uns auch erscheinen mag, nur ein Teil aus dem allgemeinen Gedankengebäude ist, das von allen Menschen errichtet worden ist und in dem alle wohnen. Bedingt durch zufällige Ereignisse von Ort und Zeit hat der einzelne bestimmte Elemente daraus ausgewählt. In dem unerschöpflichen Ideenspeicher existiert alles nebeneinander, und es ist noch nicht ausgemacht, welche Ideen untergehen werden und welche zukunftsträchtig sind. Auch können - wie in der biologischen Evolution - neue Formen auftauchen und die Vorherrschaft gewinnen.

 

Dokument ist die Arbeit, weil sie einen Augenblick in der doppelten Bedeutung von Zeitpunkt und Wahrnehmung festhält. Wie in August Sanders Werk ist das Frappierende über alle individuellen Äußerungen und Entäußerungen hinaus die Vergegenwärtigung der Jetztzeit. Mit dem Erlebnis der einmaligen Situation des Augenblicks, in dem jeder seine Geschichte erzählt, wird jedoch auch das Bewußtsein für die Vergänglichkeit des Augenblicks geschärft. Dieses Gefühl spricht auch George Musa aus: "Everything seems like fleeting to me right now, so I'm trying to live in the moment,..." Ein Gefühl und eine Haltung, in der sich das Leben auf den Augenblick konzentriert bei gleichzeitiger Gewißheit der Flüchtigkeit dieses Augenblicks. In der heutigen Reklame spiegelt sich diese Befindlichkeit in Slogans wie "The taste of now" oder "The power of now".

 

Faßt man die Gleichzeitigkeit im Jetzt als die eine Ebene auf, so öffnet sich beim Zuhören eine Tiefendimension der Ungleichzeitigkeit. In ihren Gedanken und Vorstellungen pendeln die Redenden zwischen Erinnertem und Erhofftem, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der weltanschauliche Eklektizismus wählt aus dem Ideenvorrat aller Zeiten. In diesem Sinne können die verschiedenen Menschen tatsächlich gleichzeitig in ganz anderen Zeiten leben. Dasselbe, was für Zeit und Zeitlosigkeit gilt, trifft für den Ort und die Ortlosigkeit zu. Diese Arbeit konnte nur in New York entstehen, sie bezeichnet den Ort, denn nur hier gibt es diese besonderen Formen des Nebeneinander und der Durchmischung aller Rassen und Kulturen. Aus kulturellen Differenzen entwickelt sich eine neue kulturelle Identität. Gerade die Konzentration auf den zivilatorischen Brennpunkt der Erde sprengt jedoch auch die Gebundenheit an den Ort und weitet die Aussage ins Universelle, das die ganze lebende Generation betrifft, die jetzt die Erde bevölkert. Wenn man die Videoaufzeichnungen mit dem zeitlichen Abstand sehen wird, den wir heute von den Photographien August Sanders haben, dann werden die Menschen als Fremde erscheinen, ihre Stimmen werden wie altertümliche Relikte aus einer anderen Zeit klingen, und die Nachfahren werden sich wundern über diese Art Mensch, von der sie abstammen. Wie in der Zuspitzung der Arbeit auf die Jetztzeit und den Ort New York City und ihre gleichzeitige †berwindung in Ort- und Zeitlosigkeit, so wirken die Dargestellten in der Vergegenwärtigung zugleich als Vorübergehende. Sie erscheinen auf der Projektionswand, um dann wieder zu verschwinden. Sie tauchen aus der Masse auf und gehen darin wieder unter. Dieser Eindruck vom Schwinden und Vergehen des Augenblicks weckt Assoziationen, die die Menschen aller Zeiten bewegt haben. "Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom; sie sind wie ein Schlaf, gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird" (90. Psalm).

 

Günther Gercken Anmerkungen 1 Hans L. C. Jaff_, Piet Mondrian, Köln 1990, S. 35. 2 Alfred Döblin, Von Gesichtern Bildern und ihrer Wahrheit, in: August Sander, Antlitz der Zeit, München 1976, S. 10/11 (Neudruck des 1929 im Kurt Wolff/Transmare Verlag erschienenen Werkes). 3 Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt am Main 1981, S. 374.