Identität verzeichnen

von Lori Zippay

 

Der Künstler als Außenseiter, als Fremder in einem fremden Land, sei es tatsächlich oder im übertragenen Sinne, das ist eine modernistische Trope, die im Zusammenhang der zeitgenössischen Identitätspolitik neu definiert worden ist. In seiner neuen Werkreihe legt York der Knoefel einige Vorstellungen der Identität und der Verschiebung frei, die so durch die kulturellen und medialen Schichten sichtbar werden. Seine Umgebung skizzierend, indem er Dokumente als Artefakte aufdeckt und in einen neuen Kontext bringt, engagiert sich Knöfel schließlich in Fragen der Subjektivität in Beziehung zur kulturellen Identität.

 

Eine Reihe photographischer Werke und Video-lnstallationen, die während des New York Aufenthalts Knoefels 1995-97 zustande kam, ist zu diesem Thema besonders relevant. Von einem “Außenseiter“, der innerhalb einer Kultur wohnte, wirken Knoefels Darstellungen der USA in ihrer obsessiven Dokumentation der beobachteten Details fast anthropologisch. Die Aufzeichnung des Künstlers zur persönlichen und kulturellen Identität wird in einem Großteil dieser Arbeit durch die Medien und durch Information definiert.

 

Für die Video-lnstallation “Thoughts“ (1996) nahm der Künstler dreihundert Monologe auf, gesprochen von einer eklektischen Auswahl New Yorker. Diese wurden gebeten, vor einer statischen Kamera “einfach darauflos zu reden“. Das Ergebnis ist eine Reihe “stream of consciousness“ Erzählungen von einem Querschnitt “normaler“ New Yorker: eine Art multikultureller “Family of Man“. Mit eingerahmtem Kopf steht jede Person der leidenschaftslosen Kamera gegenüber und erzählt eine Geschichte aus seinem oder ihrem Leben: Anekdoten, Erinnerungen, politische Aussagen, Bekenntnisse oder philosophische Abschweifungen. Die Geschichten sind oft banal und hemmungslos, aber mit ihren psychologischen und narrativen Details wirken sie auch irgendwie anziehend.

 

Aber die Intimität dieser one-to-one Enthüllungen, die Individualität und die Identität von jeder Person werden durch die Gesamtwirkung der Installation absichtlich umgestoßen. Der Betrachter steht einem Raster von 48 Monitoren, einer Video-Wand redender Köpfe gegenüber. Ihres erzählerischen Inhalts entblößt, kollidieren die höchst idiosynkratischen Stimmen zu einer klönenden Masse sprechender Köpfe, zu einem telegenen Turm zu Babel. Dieser Zusammenstoß überwältigt die einzelnen Geschichten und macht sie unklar – eine Akkumulation verwandelt die Einzelheiten in die Abstraktion.

 

Die Installation wird zur Metapher für das Erlebnis New York an sich: die Stadt als eine laute, chaotische, hyperaktive, multikulturelle Collage – das sogenannte “herrliche Mosaik“ verschiedenartiger Volksgruppen, Rassen und Kulturen. Die Dichte und die überwältigende Masse an Informationen definieren New York als den Inbegriff des städtischen Zentrums im 20. Jahrhundert. Der Künstler selbst behauptet, er habe keinerlei Interesse an den einzelnen Erzählungen und Geschichten seiner Teilnehmer, sondern an dem Rhythmus und an der Energie der Installation als eine dynamische Evokation von New York. Es ist ein Video-Portrait von New York, von außen gesehen, eine bewegte aber schließlich nicht zu entziffernde Masse sich widersprechender Selbstausdrücke.

 

In der Tat, nur wenn der Beobachter sich direkt mit einem Sprecher befaßt – indem er einem einzelnen Monolog mit Kopfhörer zuhört – gewinnen die Idiosynkratien der Geschichten und das Spezifische an den Individuen wieder Schärfe. Indem eine einzelne Geschichte isoliert wird, betritt man wieder die Welt des Persönlichen und des Privaten.

 

Bei näherem Hinsehen aber (oder eher gesagt: bei näherem Hinhören) wird eine neue Ebene der Trennung vorangetrieben. Für den Betrachter, der ein bestimmtes Genre Fernsehprogramme kennt, und Hollywood-Movies über “das echte Leben in der Stadt“ gesehen hat, geraten die hier dargestellten Individuen zu klischeehaften New Yorker “Typen“ – der zornige Schwarze, die exzentrische alte Frau, der jugendliche Crack-Dealer. Die höchstpersönlichen, bekennenden Impulse, die diese Geschichten vorantreiben – Leute, die von ihren Verhältnissen, ihren Straftaten, ihren Sehnsüchten reden – rufen auch zwanghafte, oft sensationalistische Bekenntnisse aus den täglichen Talk Shows in Erinnerung. Während diese anonymen Individuen ihre fünfzehn Minuten Ruhm vor der anonymen Kamera des Künstlers in Anspruch nehmen, stellen sich für den Betrachter einige Fragen: Wie steht es mit der Konstruktion der persönlichen Identität im Verhältnis zu Media-Erzählungen? Wen sprechen sie an? Da die Monologe öfters einer sentimentalen, phrasenhaften Art sind, wirkt es so, als ob die Sprecher die Rollen von “Charakteren“ vor der Kamera annehmen würden – oder vielleicht sieht der Betrachter sie nur so?

 

Hier ist das gewählte Werkzeug des Künstlers das Video – ein Medium, das das Fiktive und das Dokumentarische leicht annulliert. Die direkte Rede des Subjekts mit der Kamera evoziert die Konventionen und Genres sowohl des Fernsehens als auch der Video-Kunst. Hinsichtlich des Fernsehens erinnert dieses Format an die “Talking Heads“ unzähliger Dokumentarfilme, Talk Shows und an die Extreme der Selbstdarstellung, die wir mit “Realitätssendungen“ in Verbindung bringen. Diese Begegnung von “Angesicht zu Angesicht“ mit dem Betrachter reflektiert aber auch eine wichtige Strategie der Video-Kunst; d. h. das Einsetzen vom Video als Spiegel. Von den konzeptuellen Videos der 70er bis hin zu den Performances der 90er Jahre haben die Unmittelbarkeit und Intimität des Mediums überzeugende Untersuchungen des Verhältnisses zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten gefördert. Solche Strategien beziehen sich auch auf das Video-Portrait und das Video-Tagebuch.

Video ist auch das bevorzugte Medium des Touristen, der die Kamera führt, um selbstgemachte Reiseberichte herzustellen. Diese geben vor, die subjektive, individuelle Erfahrung einer Kultur zu dokumentieren. Das problematische Verhältnis zwischen der Realität der Touristen und den ikonischen, kulturellen Orten, die ihre Reiseziele darstellen, wird in der Installation „White House“ (1996) direkt angesprochen. Hier wird ein statisches Bild dieses nationalen Symbols Aufnahmen von den draußen stehenden Touristen gegenübergestellt.

 

Ein Verwischen des Fiktiven und des Realen durch eine Manipulierung des Kontextes ist ein durchgehender Faden in Knoefels Werk. Untersucht wird das Thema oft im Kontext der Kunstgeschichte mit ihrem Selbstbezug oder in der zeitgenössischen Kunstwelt. (In der Arbeit „Breakfast“ (1994) im Art Hotel Amsterdam inszenierte er die fiktive Erzählung eines abwesenden Gastes im Hotelzimmer, dem Ort der Ausstellung.) Aber in den Werken, die den direktesten Bezug zu seinem New York Aufenthalt zeigen, dokumentiert Knoefel die Konstruktion der Identität und der Subjektivität in ihrer Beziehung zu einer mediengestützten Realität innerhalb der zeitgenössischen amerikanischen Kultur – insbesondere die Stellung des Außenseiters –.

 

Die Anwendung der Medien als Bedeutungsträger der kulturellen Identität setzt sich im photographischen Werk fort. In diesen Arbeiten untersucht der Künstler weiterhin die besonders amerikanische Immersion in einer vermittelten Realität. In der Photo-lnstallation “Christmas“ (1996) füllte er eine Galerie mit photographischen Bildern aus Fernsehsendungen, die während der Feiertage in New York aufgenommen wurden. Die daraus entstandene Collage mit Hunderten von Bildern beschreibt eine medientrunkene Landschaft, einen bildlichen Mißklang oder ein Babel von Darstellungen – jeglicher Bedeutung oder jeglichen Zusammenhangs beraubt. Es ist aber auch ein seltsam poetisches, anschauliches Tagebuch, das einen bestimmten Moment der erlebten telegenen Realität verzeichnet – eine Realität, die in sich selbst eine virtuelle Collage des Fiktiven und des Realen darstellt. So wie “Thoughts“ skizziert diese Installation die verfremdete Begegnung des Künstlers mit New York durch eine obsessive, mit Informationen überladene Dokumentation der kulturellen Umgebung.

 

In der Installation “ID“ (1997) benutzt der Künstler wiederum Dokumente – in diesem Falle manipulierte Photos von Ausweisen – um eine andere Vision von der kulturellen und persönlichen Identität herzustellen, wie sie innerhalb eines gesellschaftlichen Konstrukts vermittelt wird. Hier präsentiert er eine Reihe von Führerscheinen, neu photographiert und zu 150 x 117 cm vergrößert. Vom alltäglichen Bezug entfernt, im Maßstab verändert, und um die eigene Achse gedreht, nimmt der scheinbar harmlose Gegenstand, der Führerschein, eine unbekannte, etwas bedrohliche Aura an.

 

Hier wird das Individuum als eine Litanei der Statistik wiedergegeben: Geburtsdatum, Größe, Geschlecht, Adresse, Sozialversicherungsnummer. Die Topographie der Identität besteht aus einer Liste körperlicher und kultureller Charakteristiken. Diese semiotische Fehlorientierung weitet sich auf die graphische Qualität der Ausweise selbst aus. ihre leuchtenden Farbstreifen und fetten Buchstaben geben kund, in welchem Staat der Ausweis herausgegeben wurde. Die verschwommenen, schlecht belichteten Portraits erinnern an Suchbilder von Verbrechern oder an die unscharfen Pressephotos von Opfern oder vermißten Personen. Diese rührenden Bilder täuschen eine persönliche Geschichte, eine Lebensgeschichte, ein Selbstbildnis vor, das wiederum auf Statistik und ein grobkörniges Photo reduziert worden ist.

 

Knoefel beutet die existierende Spannung zwischen der Schärfe der implizierten Erzählung – die Andeutung des Ungesagten, des Nicht-Erzählten – und dem klinischen, verzifferten Aufsagen von summarischen Fakten: Geschlecht: W., Augen: Bl., Gr.: 1,60 geschickt aus. Trotzdem gibt es etwas Nostalgisches und fast Rührendes in der Anwendung dieser Ausweise als kulturelle Bedeutungsträger; verglichen mit den Computer-Datenspeichern, die jetzt riesige Sammlungen persönlicher Information tragen – von Kaufgewohnheiten bis hin zur finanziellen Geschichte –, erscheinen solche Ausweise fast wie Überbleibsel einer Gegenwart, die im Begriff steht, schnell Vergangenheit zu werden.

 

In diesen Werken präsentiert Knoefel gleichzeitig höchst spezifische, detaillierte Informationen und eine höchst abstrakte, fragmentierte Darbietung. Von scharf zu unscharf, von spezifisch zu abstrakt schwankend, durchkreuzt Knöfels Weltsicht mitsamt seiner eigenen Position das Reale und das Metaphorische. Dieses Thema wird weitergeführt in einer seiner Video-lnstallationen. Hier werden ein Mann und eine Frau so dargestellt, daß sie aus einer Reihe fragmentierter Körperteile schließlich zusammengestellt werden können. Das gleiche Thema taucht auch in denjenigen Werken auf, die sich auf die leeren Fühl-dich-wohl-Sprüche der Werbung und Pop-Psychologie beziehen: sei Du selbst, genieße Dich selbst.

 

Alle hier diskutierten Werke zeigen ein Gefühl der persönlichen und kulturellen Verschiebung auf, sie vermitteln eine Andeutung der Anonymität und Anomie innerhalb einer Landschaft von vermittelten Informationen und Bildern. Identität schwebt an der Schwelle zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven, dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen, dem Detail und dem Ganzen. Seine Umgebung durch Dokumente zu Menschen und zur Kultur zeichnend, präsentiert uns Knoefel eine Vision der Subjektivität und der Identität, in der persönliche und kulturelle Erzählungen vom Zentrum der Medien- und Informationslandschaft heraustönen